Es gab einen Plan für diesen Sonntag. Wir wollten von den Nurata Bergen an den Ayderkol See. Dies ist ein künstlicher See, entstanden durch den Überlauf eines Staudammes in Kasachstan. Quasi das Gegenstück zum Aralsee. Viele Vögel vom Aralsee sind zum Ayderkol migriert und fanden ein hier ein neues zu Hause.

Unterwegs begegnen uns immer wieder Reiter und später Autos mit Pferdeanhängern oder Lautsprechern. Wir schauen uns an, sollen wir umdrehen, da hinten stand doch ein Polizist, sah aus, als wolle er den Verkehr regeln. Vielleicht gibt es dort eine lokale Veranstaltung. Zu diesem Zeitpunkt konnten wir uns noch nicht ausmalen, an welch einem Spektakel wir teilhaben werden. Gesagt getan, Pläne sind dazu da geändert zu werden und der See läuft uns nicht weg.

Beim Polizeiposten fragen wir mit Händen und Füßen nach, in welche Richtung wir zu dem Fest kommen. Um die Sache zu vereinfachen werden uns zwei Mitfahrer in den Herrn Möglich gesetzt und so fahren wir über einen Feldweg und zum Schluß über eine Wiese zu einer Art Spielfeld. Um was mag es hier gehen? Erstmal stellen wir unser Herrn Möglich mitten auf der Wiese zwischen ab und versuchen uns zu Fuß ein Bild zu machen. Wir sehen zu mehr als 95% Männer und Jungs hier. Die wenigen Frauen, die es hierher verschlägt, bereiten Essen zum Verkauf vor.

Noch wissen wir nicht, was hier gespielt werden soll bis einer unserer Mitfahrer uns auf seinem Mobiltelefon ein Video einer vorherigen Veranstaltung zeigt. Es fällt uns wie Schuppen von den Augen. Kupkari, in Afghanistan genannt Buzkashi, wird gespielt. Hier in der Nurata Region leben hauptsächlich Usbeken tadschikischer Abstammung und in Tadschikistan ist Kupkari ein Volksport. Das Reiterspiel hat eine jahrtausendealte Tradition in Zentralasien. Es gibt verschiedene Varianten, wir sehen die ursprünglichste Form, ein Spiel Reiter gegen Reiter. Gegenstand des Spiels ist eine kopflose Ziege (manchmal auch ein Kalb). Diese wird von einem „Schiedrichter” in einem Quadrat in der Mitte des Spielfeldes freigegeben. So dann muß die Ziege um eine Art Spielfeld, die Grenze ist durch einen Graben markiert, transportiert werden und zurück in das Quadrat gebracht werden. Der Reiter oder Chapandaz, der das schafft, ist der Sieger des Spiels. Das heißt es wird mit allen Mitteln versucht einander die Ziege abzujagen. Es kommt zu harten Auseinandersetzung und die Reiter schützen deswegen ihre Köpfe mit Kappen. Die Grenzen des Spielfeldes werden nicht ganz ernst genommen, so kommt es dazu, daß der im Besitz der Ziege befindliche Reiter an unserem Herrn Möglich vorbeireitet und der Streit um das wertvolle Gut direkt hinter unserem Unimog stattfindet.

Es ist nicht selbstverständlich Kupkari in dieser Form beobachten zu dürfen. Es gibt keine Ankündigen, keine Plakate. Der Zufall hat uns hierher geführt, wir sind die einzigen Fremden und werden warmherzig aufgenommen.

 

Stunden später brechen wir auf zum eigentlichen Ziel dem Aiderkol See. Davor waren wir in  Nurata und in den Bergen, wir wollten wandern, in dem Ausgangsort fanden wir keinen geeigneten Stellplatz. Welch ein Glück für uns, sonst hätten wir ein ganz besonderes Ereignis verpasst.

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